"Konsolidierung ist kein Allheilmittel"
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 26.02.2010
Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) ist eine der führenden Beratungsgesellschaften in Deutschland. Seit Jahren, bereits zu Zeiten der Landesgirokasse, arbeitet BCG auch für die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Ihr Deutschlandchef Christian Veith ist bestens mit der Historie des Instituts vertraut.
Herr Veith, wie lautet Ihre Prognose: Rechnen sich die Milliarden Euro irgendwann, die die Steuerzahler für die Landesbanken bereitgestellt haben?
Das Ziel der staatlichen Stützungsmaßnahmen war ja, die Landesbanken - übrigens ebenso wie eine Reihe anderer Banken - zu stabilisieren und nicht mit den Kapitalhilfen möglichst viel Geld zu verdienen. Dennoch: keine der finanziellen Unterstützungen ist von vorneherein als verlorener Zuschuss gewährt worden, und ich erwarte auch, dass die staatlichen Beihilfen in den meisten Fällen zurückgezahlt werden.
Beschneidet die EU-Kommission die Kompetenzen der Landesbanken in manchen Fällen nicht zu stark? Braucht Deutschland nicht auch starke Landesbanken mit einer Kapitalmarktkompetenz - und nicht ein paar mehr Großsparkassen?
Zunächst einmal ist es sicher keine Abwertung für eine Bank, wenn sie wie eine Großsparkasse agiert. Aber es stimmt, dass Deutschland einen starken und kompetenten Bankensektor benötigt, der die Bedürfnisse der Unternehmen umfassend abdecken kann. Daher brauchen wir Banken mit Kapitalmarktkompetenz und mit einem internationalen Netzwerk. Die werden wir auch in Zukunft haben, und zwar auch im Landesbankensektor. Dies wird nach meinem Eindruck durch die EU-Auflagen auch nicht infrage gestellt.
Wie sieht die Zukunft der Landesbanken aus? Wird es ihnen dauerhaft gelingen, genügend profitable Geschäftsfelder zu beackern?
Die Frage, welche Geschäfte für Landesbanken nachhaltig profitabel sind, wird heute bei einer Reihe von Landesbanken von den Verantwortlichen anders beurteilt als in der Vergangenheit. Heute stellt man sehr klar die Frage: welchen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil haben wir gegenüber anderen Instituten, die ähnliche Geschäfte betreiben? Auf diese Frage gibt es aber keine einheitliche Antwort für alle sieben Landesbankkonzerne. Die Institute sind zu verschieden, zumal sich die Anforderungen der Eigentümer an die Institute unterscheiden und es zahlreiche regionale Besonderheiten gibt.
Und wie beurteilen Sie die LBBW?
Die LBBW hat in der BW-Bank eine sehr gute Expertise und einen hervorragenden Ruf im Geschäft mit Unternehmens- und mit Privatkunden. Sie hat darüber hinaus eine Reihe weiterer Stärken, die mich für ihre Zukunft sehr zuversichtlich stimmen, vorausgesetzt, sie verfolgt den eingeschlagenen Restrukturierungskurs konsequent weiter.
Bevor die Kapitalerhöhung bei der LBBW bewilligt wurde, haben die Eigentümer mehrere Gutachten, darunter eines bei Ihrem Konkurrenten Roland Berger, in Auftrag gegeben. Roland Berger hatte damals vorgeschlagen, die LBBW solle bundesweit im Mittelstandsgeschäft expandieren. Von diesen Plänen ist so gut wie nichts übrig geblieben. Werden Beratergutachten auch eingeholt, weil die Auftraggeber eigentlich nur das bestätigt haben wollen, was ihnen ins Konzept passt?
Zu dem Gutachten von Roland Berger, das ich nicht kenne, kann ich mich nicht äußern. Ich kenne auch nicht die aktuellen strategischen Überlegungen der LBBW. Sicher ist es aber nachvollziehbar, wenn man das erfolgreiche Unternehmenskundengeschäft weiter ausbauen will. Dies ist natürlich außerhalb der Regionen, in denen die BW-Bank schon heute eine sehr gute Position hat, schwierig. Eine regionale Expansion ist immer eine besondere Herausforderung.
Es ist doch erstaunlich, dass sich fast alle Landesbanken jetzt auf das gleiche Geschäft stürzen: die Mittelstandsfinanzierung.
Ganz so erstaunlich ist es nicht. Das Geschäft mit mittelständischen Unternehmenskunden ist grundsätzlich attraktiv. Es verlangt aber einen langen Atem. Die Kunden wollen sehr genau wissen, ob sie von ihrer Bank auch in einer Krise unterstützt werden, ob also das Engagement der Bank nachhaltig ist. Darüber hinaus muss man über die geforderte Expertise verfügen und einen starken Vertrieb haben. Nicht alle Banken, die heute in das Mittelstandsgeschäft drängen, werden diese Anforderungen erfüllen.
Wie stark muss die Zahl der Landesbanken schrumpfen?
Die vielfach geforderte Konsolidierung ist kein Allheilmittel. Vielen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie stark die Kreditversorgung von Unternehmen bei einer sehr aggressiven Konsolidierung eingeschränkt würde. Und dass ausländische Banken diese Lücke nicht füllen können, erleben wir ja gerade. Auch führen Fusionen mit den dann unvermeidbaren Standortschließungen und Arbeitsplatzverlusten im öffentlichen Umfeld der Landesbanken zu schwierigen Diskussionen.
Das klingt so, als wollten Sie vor einer zu starken Konsolidierung warnen?
Man muss sich sehr genau anschauen, wie man die Konsolidierung gestaltet, um sicher zu sein, dass die Kreditvergabemöglichkeiten nicht allzu stark eingeschränkt werden. Die politische Diskussion wird vielfach sehr stark verkürzt geführt: Fusionen bringen nicht automatisch leistungsfähigere Institute mit sich. Man kann den Markt auch dadurch konsolidieren, dass sich die Banken auf ihre Stärken konzentrieren und andere Geschäftsfelder zurückfahren oder ganz aufgeben. Genau das geschieht im Übrigen gerade.
Und diese neue Linie wird dann auch durchgehalten?
Sicher nicht von allen. Es entspricht der menschlichen Natur, unangenehme Erfahrungen zu verdrängen. Das haben wir in der Vergangenheit erlebt, und das werden wir auch in Zukunft sehen. Gleichwohl wird es auch Banken geben, die ihre Lehren aus der Krise nicht nur heute, sondern dauerhaft ziehen.
Können Privatisierungen das Problem lösen helfen?
Auch das würde ich nicht allgemein unterschreiben. Das Beispiel der HSH Nordbank zeigt doch, dass ein privater Investor eine Landesbank nicht vor Fehlentwicklungen bewahren kann. Wichtig ist sicher auch, mit welchen Absichten und Fähigkeiten sich ein privater Investor bei einer Landesbank engagiert. Wer in drei bis fünf Jahren dort einen guten Schnitt machen will, trägt sicherlich nicht zur Stabilisierung bei.
Muss nicht die Kontrolle für die Landesbanken verbessert werden? Noch immer fühlt sich ja offensichtlich niemand aus den Aufsichtsgremien für die Beinahe-Pleiten verantwortlich.
Es ist sicher unbedingt notwendig, mehr auf die richtige Aufsichtskultur und -kompetenz zu achten. Wir brauchen eine Kultur, in der grundsätzliche kritische Fragen erlaubt, ja sogar gefordert sind - und nicht als Störung oder gar als illoyales Verhalten empfunden werden.
Das Gespräch führten Joachim Dorfs, Andrea Gregor und Harry Pretzlaff.
Herr Veith, wie lautet Ihre Prognose: Rechnen sich die Milliarden Euro irgendwann, die die Steuerzahler für die Landesbanken bereitgestellt haben?
Das Ziel der staatlichen Stützungsmaßnahmen war ja, die Landesbanken - übrigens ebenso wie eine Reihe anderer Banken - zu stabilisieren und nicht mit den Kapitalhilfen möglichst viel Geld zu verdienen. Dennoch: keine der finanziellen Unterstützungen ist von vorneherein als verlorener Zuschuss gewährt worden, und ich erwarte auch, dass die staatlichen Beihilfen in den meisten Fällen zurückgezahlt werden.
Beschneidet die EU-Kommission die Kompetenzen der Landesbanken in manchen Fällen nicht zu stark? Braucht Deutschland nicht auch starke Landesbanken mit einer Kapitalmarktkompetenz - und nicht ein paar mehr Großsparkassen?
Zunächst einmal ist es sicher keine Abwertung für eine Bank, wenn sie wie eine Großsparkasse agiert. Aber es stimmt, dass Deutschland einen starken und kompetenten Bankensektor benötigt, der die Bedürfnisse der Unternehmen umfassend abdecken kann. Daher brauchen wir Banken mit Kapitalmarktkompetenz und mit einem internationalen Netzwerk. Die werden wir auch in Zukunft haben, und zwar auch im Landesbankensektor. Dies wird nach meinem Eindruck durch die EU-Auflagen auch nicht infrage gestellt.
Wie sieht die Zukunft der Landesbanken aus? Wird es ihnen dauerhaft gelingen, genügend profitable Geschäftsfelder zu beackern?
Die Frage, welche Geschäfte für Landesbanken nachhaltig profitabel sind, wird heute bei einer Reihe von Landesbanken von den Verantwortlichen anders beurteilt als in der Vergangenheit. Heute stellt man sehr klar die Frage: welchen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil haben wir gegenüber anderen Instituten, die ähnliche Geschäfte betreiben? Auf diese Frage gibt es aber keine einheitliche Antwort für alle sieben Landesbankkonzerne. Die Institute sind zu verschieden, zumal sich die Anforderungen der Eigentümer an die Institute unterscheiden und es zahlreiche regionale Besonderheiten gibt.
Und wie beurteilen Sie die LBBW?
Die LBBW hat in der BW-Bank eine sehr gute Expertise und einen hervorragenden Ruf im Geschäft mit Unternehmens- und mit Privatkunden. Sie hat darüber hinaus eine Reihe weiterer Stärken, die mich für ihre Zukunft sehr zuversichtlich stimmen, vorausgesetzt, sie verfolgt den eingeschlagenen Restrukturierungskurs konsequent weiter.
Bevor die Kapitalerhöhung bei der LBBW bewilligt wurde, haben die Eigentümer mehrere Gutachten, darunter eines bei Ihrem Konkurrenten Roland Berger, in Auftrag gegeben. Roland Berger hatte damals vorgeschlagen, die LBBW solle bundesweit im Mittelstandsgeschäft expandieren. Von diesen Plänen ist so gut wie nichts übrig geblieben. Werden Beratergutachten auch eingeholt, weil die Auftraggeber eigentlich nur das bestätigt haben wollen, was ihnen ins Konzept passt?
Zu dem Gutachten von Roland Berger, das ich nicht kenne, kann ich mich nicht äußern. Ich kenne auch nicht die aktuellen strategischen Überlegungen der LBBW. Sicher ist es aber nachvollziehbar, wenn man das erfolgreiche Unternehmenskundengeschäft weiter ausbauen will. Dies ist natürlich außerhalb der Regionen, in denen die BW-Bank schon heute eine sehr gute Position hat, schwierig. Eine regionale Expansion ist immer eine besondere Herausforderung.
Es ist doch erstaunlich, dass sich fast alle Landesbanken jetzt auf das gleiche Geschäft stürzen: die Mittelstandsfinanzierung.
Ganz so erstaunlich ist es nicht. Das Geschäft mit mittelständischen Unternehmenskunden ist grundsätzlich attraktiv. Es verlangt aber einen langen Atem. Die Kunden wollen sehr genau wissen, ob sie von ihrer Bank auch in einer Krise unterstützt werden, ob also das Engagement der Bank nachhaltig ist. Darüber hinaus muss man über die geforderte Expertise verfügen und einen starken Vertrieb haben. Nicht alle Banken, die heute in das Mittelstandsgeschäft drängen, werden diese Anforderungen erfüllen.
Wie stark muss die Zahl der Landesbanken schrumpfen?
Die vielfach geforderte Konsolidierung ist kein Allheilmittel. Vielen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie stark die Kreditversorgung von Unternehmen bei einer sehr aggressiven Konsolidierung eingeschränkt würde. Und dass ausländische Banken diese Lücke nicht füllen können, erleben wir ja gerade. Auch führen Fusionen mit den dann unvermeidbaren Standortschließungen und Arbeitsplatzverlusten im öffentlichen Umfeld der Landesbanken zu schwierigen Diskussionen.
Das klingt so, als wollten Sie vor einer zu starken Konsolidierung warnen?
Man muss sich sehr genau anschauen, wie man die Konsolidierung gestaltet, um sicher zu sein, dass die Kreditvergabemöglichkeiten nicht allzu stark eingeschränkt werden. Die politische Diskussion wird vielfach sehr stark verkürzt geführt: Fusionen bringen nicht automatisch leistungsfähigere Institute mit sich. Man kann den Markt auch dadurch konsolidieren, dass sich die Banken auf ihre Stärken konzentrieren und andere Geschäftsfelder zurückfahren oder ganz aufgeben. Genau das geschieht im Übrigen gerade.
Und diese neue Linie wird dann auch durchgehalten?
Sicher nicht von allen. Es entspricht der menschlichen Natur, unangenehme Erfahrungen zu verdrängen. Das haben wir in der Vergangenheit erlebt, und das werden wir auch in Zukunft sehen. Gleichwohl wird es auch Banken geben, die ihre Lehren aus der Krise nicht nur heute, sondern dauerhaft ziehen.
Können Privatisierungen das Problem lösen helfen?
Auch das würde ich nicht allgemein unterschreiben. Das Beispiel der HSH Nordbank zeigt doch, dass ein privater Investor eine Landesbank nicht vor Fehlentwicklungen bewahren kann. Wichtig ist sicher auch, mit welchen Absichten und Fähigkeiten sich ein privater Investor bei einer Landesbank engagiert. Wer in drei bis fünf Jahren dort einen guten Schnitt machen will, trägt sicherlich nicht zur Stabilisierung bei.
Muss nicht die Kontrolle für die Landesbanken verbessert werden? Noch immer fühlt sich ja offensichtlich niemand aus den Aufsichtsgremien für die Beinahe-Pleiten verantwortlich.
Es ist sicher unbedingt notwendig, mehr auf die richtige Aufsichtskultur und -kompetenz zu achten. Wir brauchen eine Kultur, in der grundsätzliche kritische Fragen erlaubt, ja sogar gefordert sind - und nicht als Störung oder gar als illoyales Verhalten empfunden werden.
Das Gespräch führten Joachim Dorfs, Andrea Gregor und Harry Pretzlaff.
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