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HINTERGRUND: Technologieaktien durch ´Neue-Markt´-Hype dauerhaft geschädigt

Autor: dpa-AFX | 10.03.2010 | 15:05 | 21851 mal gelesen

FRANKFURT (dpa-AFX) - Der Markt für Technologieaktien hat sich nach Einschätzung von Experten nie von der geplatzten Internetblase erholt. Vor zehn Jahren erreichte der Hype um den Neuen Markt seinen Höhepunkt - nie waren Technologiewerte mehr wert als am 10. März 2000. Doch der jähe Absturz kam kurz danach und vertrieb viele Anleger für immer von den Aktienmärkten. Dieses im Nachhinein dunkle Kapitel der Börsengeschichte hinterließ vor allem bei vielen Privatanlegern klaffende Wunden und richtete aus Sicht von Experten einen nachhaltigen Schaden für die deutsche Aktienkultur an. Der von der Deutschen Börse installierte Neue-Markt-Nachfolgeindex TecDax fristet nach wie vor eher ein Schattendasein.

Dies sei eine Folge der Übertreibungen am Neuen Markt und dem darauf folgenden Kursverfall, lautet das Urteil der von dpa-AFX befragten Experten. ´Damit wurde viel Aktienkultur in Deutschland zerstört - insgesamt hat sich der Neue Markt nicht gelohnt´, sagt Stefan de Schutter, Analyst und Aktienhändler bei Alpha Wertpapierhandel. Auch Robert Halver, Marktanalyst bei der Baader Bank, stimmt dem zu. Er verweist auf den negativen Lerneffekt für Anleger. Die Spekulationsblase mit stetig steigenden Kursen habe viele Börsenneulinge in das Wachstumssegment hinein gesogen und ihnen eine bittere Lehre verpasst. Diese Investoren hätten sich die Finger verbrannt und hielten sich nun von der Börse fern.


´ES WAR NICHT ALLES SCHLECHT´

Dabei halten viele Experten die Idee eines Börsensegments für Unternehmen aus Zukunftsbranchen wie Technologie und Kommunikation für wichtig. ´Die grundsätzliche Idee ´Neuer Markt´ war sehr gut´, sagt Halver. Dann habe dieses zur Mittelstandsfinanzierung geplante Instrument aber eine Eigendynamik gewonnen, die nicht mehr zu kontrollieren war. Lupus-Alpha-Fondsmanager Karl Fickel, der damals bei Invesco einen der wichtigen Fonds in diesem Segment verwaltete, sieht aber auch positive Effekte. ´Trotz der Bewertungsprobleme wurden auch viele wichtige Technologien von Internet und Telekom über Biotechnologie bis hin zu Solarenergie entscheidend gefördert - es wäre daher zu einfach, heute alles im Neuen Markt nur schlecht zu reden.´

So sind für viele Beobachter erstaunlich viele Unternehmen des damaligen Leitindex des Segments noch am Leben. Zudem sind immerhin sechs Papiere des ehemaligen Nemax 50 derzeit im TecDax notiert und kommen wie zum Beispiel Qiagen oder United Internet wieder auf einen Börsenwert von mehreren Milliarden Euro. Mehr als damals kostet allerdings nur die Aktie des auf Vakuum-Technologie spezialisierten Unternehmens Pfeifer Vacuum . Andere Höhenflieger von damals wie Consors, EM.TV oder Mobilcom wurden übernommen. Pleite oder zu praktisch wertlosen Pennystocks verkommen sind lediglich neun Unternehmen aus dem damaligen Nemax 50.

´KEINER KANN SICH VON SCHULD FREISPRECHEN´

Viele Unternehmen sind zudem weiter eigenständig, aber bei weitem nicht mehr so wichtig wie damals. So erwirtschafte zum Beispiel der auf Onlineshop-Software spezialisierte Hersteller Intershop inzwischen einen Gewinn, ist aber von den Kursen aus dem Jahr 2000 weit entfernt. Die Aktie des ostdeutschen Unternehmens hatte in der Spitze mehr als 2.000 Euro gekostet und hatte damit einen Börsenwert von mehr als elf Milliarden Euro. Aktuell wird das Unternehmen mit knapp 40 Millionen Euro bewertet. Die Aktionärsvereinigung DSW sieht deshalb in Intershop einen der größten Kapitalvernichter des Neuen Markts.

Für Fickel ist Intershop mit seinen damals ehrgeizigen Expansionsplänen das Paradebeispiel für eine Fehlbewertung des Marktes. Dabei gibt es seiner Einschätzung nach aber keinen Alleinschuldigen. ´Von der Verantwortung damals kann sich keiner freisprechen: Am Neuen Markt waren alle Beteiligten Opfer, Täter und Getriebene zugleich - ob Unternehmenschef, Analyst, Wirtschaftsprüfer oder Fondsmanager´, sagt er. Zu den Bewertungsblasen vieler Unternehmen gesellte sich noch eine Reihe von Betrugsfällen wie Comroad oder Infomatec.

WILDER STIER KONNTE NICHT MEHR EINGEFANGEN WERDEN

Für de Schutter ist der Neue Markt daher insgesamt eine Geschichte von ´Pleiten, Pech und Pannen.´ Halver sieht auch beim Betreiber, der Deutschen Börse , wegen des fehlenden Rahmens eine Teilschuld: ´Die Börse hat einen wilden Stier frei gelassen und konnte ihn dann nicht wieder einfangen. Der Ansatz Neuer Markt war Weltklasse, die Umsetzung aber nur Kreisklasse.´ Alle Versuche, den Markt wiederzubeleben, seien bisher fehl geschlagen und ´alter Wein in neuen Schläuchen´./fat/zb/tw
--- Von Frederik Altmann und Bernd Zeberl, dpa-AFX ---



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15:05 | 10.03.2010
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